Neues aus Hannas Logbuch (10)

Neues aus Hannas Logbuch (10)

Zurück in Deutschland

Seit inzwischen fast drei Wochen bin ich nun wieder in Deutschland und obgleich ich mein Heimatland sehr gut kenne, ist das Ankommen nach einer längeren Zeit in Sierra Leone jedes Mal eine Explosion von vielen ‘neubekannten’ Eindrücken. Meine Sinne sind deutlich geschärft und nehmen viele Dinge wahr, die mir früher (und damit meine ich die Zeit, in der ich noch nicht erlebt hatte, wie anders das Leben doch sein kann) nie aufgefallen sind. Die Kontraste zwischen den Lebenswelten beider Länder sind zu stark, als dass ich mich übergangslos wieder eingliedern könnte. Weil ich das System kenne und ja optisch und sprachlich auch nicht mehr auffalle, ist der Übergang für mein Umfeld leicht, doch für mich ist diese Zeit besonders und ich genieße es, Alltäglichkeiten genießen zu können, bevor sie auch für mich wieder Normalität und Selbstverständlichkeit werden.

Nach den ersten Tagen mit Strom rund um die Uhr, in denen ich mich immer wieder dabei erwischt habe, wie ich die Ladeanzeige meiner Powerbank kontrolliert habe (wie oft kann ich mein Handy noch laden bevor auch sie leer ist?), morgens nach dem Aufstehen direkt zum Wasserkocher gerannt bin (niemals morgens irgendwelchen „unnötigen“ Tätigkeiten nachgehen, wenn Strom da ist) und manchmal kontrollierend die Lichtschalter gedrückt habe, ist die Stromversorgung inzwischen schon kaum mehr einen Gedanken wert, doch in vielen anderen Bereichen wird mir der Unterschied noch bewusst und ich bin unbeschreiblich dankbar für sauberes und ausreichend Wasser (vor allem warmes unter der Dusche); Stille; das Gefühl von Sicherheit, selbst wenn ich als Frau abends oder nachts alleine unterwegs bin; geteerte, saubere Straßen mit einer Verkehrsordnung, an die sich die meisten zumindest grob halten; Waschmaschinen und sauber riechende Wäsche; die Vielfalt der Nahrungsmittel; kein (oder kaum) Ungeziefer in den Häusern; Pünktlichkeit und Verlässlichkeit bei Absprachen; dass ich nicht ständig angequatscht und angemacht werde aufgrund meiner Hautfarbe; dass ich lange Spaziergänge machen und gut schlafen kann und mehr.

Wie hast du es in Sierra Leone ausgehalten, wenn du so viel vermisst hast, werde ich manchmal gefragt, wenn ich über meine Ankommenserlebnisse in der ersten Welt erzähle. Es ist oft nicht einfach, den anstrengenden Alltag in Sierra Leone zu bestreiten, aber ich vermisse nichts, wenn ich dort bin und ich habe auch kein Heimweh. Ich weiß inzwischen, was mich erwartet und dass es hart sein kann und mit diesem Wissen um die Umstände kann ich mich gut auf Situationen einstellen. Schwierigkeiten bereitet es mir eher, meine Pläne und Vorhaben nicht meinem Takt, sondern dem Takt der Lebensumstände anzupassen und mich dabei nicht zu ärgern. Ich erinnere mich an so manchen Samstag oder Abend, an dem ich extra zu Hause blieb, weil ich einen Newsletter oder etwas anderes schreiben wollte und dann gab es keinen Strom, mit dem ich meine Laptopbatterie hätte aufladen können. Ich musste oft mit meinem Frust kämpfen, wenn etwas nicht so klappte, wie ich es mir vorgestellt hatte, aber ich habe meine Frustrationstoleranz im letzten Jahr enorm verbessert!

Bei all den Unannehmlichkeiten und Beschwerlichkeiten bleiben die Sierra Leoner ein herzliches und liebenswertes Volk, das mich sehr warm verabschiedet hat. Neben einer symbolischen sierra leonischen Staatsangehörigkeit habe ich einen ganzen Koffer voller Geschenke bekommen auf fünf Abschiedsparties! Dort ist es Tradition, die scheidende Person mit Sketschen und persönlichen Geschichten zu verabschieden – diese Rückblicke haben mir gefallen und es hat mich wirklich beeindruckt, was die Leute über mich gesagt haben, von welchen gemeinsamen Erlebnissen sie berichtet haben und an was sie sich erinnern werden, wenn sie an mich denken.

So richtig ankommen werde ich in Deutschland diesmal auch nicht, weil es Ende des Monats schon nach Australien geht und ich freue mich schon sehr auf die brandneuen Erfahrungen und Erlebnisse dort.

Hanna Lütke Lanfer
Hanna Lütke Lanfer
Freie Journalistin, Übersetzerin und Werbetexterin, Projektgründerin, plant und begleitet alle Projekte, ehrenamtliche Mitarbeiterin
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